Leseprobe "Romantik": Gemeinsam betraten sie den letzten Raum. Nina löste sich von ihm und blickte sich aufmerksam um. Das Zimmer war klein, und die gesamte Schmalseite wurde von einem Erker eingenommen, der ausschließlich aus hohen Fenstern bestand. Dort hatte Jan sein Rudergerät und eine Hantelbank aufgebaut, ein wenig verdeckt vom Bett, das genau davor stand. Nachttisch, Stuhl und Kleiderschrank – mehr war nicht in dem Zimmer. Wenigstens waren hier die Tapeten angenehmer, dachte sie. „Und?“, fragte er. „Der Erker verleiht deinem Schlafzimmer einen ganz besonderen Charme, so richtig zum Wohlfühlen. Und ich bin erleichtert, wenigstens hier ein bisschen Leben zu finden: Du hast nämlich dein Bett nicht gemacht.“ „Tatsächlich? Das mache ich doch jeden Morgen gleich nach dem Frühstück.“ Jan trat ans Bett und fuhr mit seinen Händen über die Matratze. „Stimmt. Ich hab’s vergessen. Offensichtlich war ich heute nicht ganz bei der Sache gewesen.“ Sie standen einander wortlos gegenüber. Nina blickte in seine Augen, vergrub sich immer tiefer in ihnen, bis Jan sie in seinem Hirn zu spüren meinte. Er schloss die Augen, doch das Vibrieren ging weiter, wurde sogar stärker. „Du hast dich in meinem Kopf festgesetzt“, sagte er. Nina antwortete nicht. „Ich muss ständig an dich denken.“ Wieder keine Antwort, nur ein deutliches Ein- und Ausatmen. „Darf ich dich berühren?“ „Ja.“ Ganz sanft legte er seine Hände auf ihre Oberarme und ließ sie aufwärts wandern. Wie durch einen Schleier verhüllt und doch zu ahnen, strich er über ihre bekleideten Schultern und ergründete das Ensemble ihrer Rundungen, Hebungen und Senkungen. Endlich berührte er ihren Hals. Die nackte Haut ließ ihn kurz zusammenzucken. Er meinte, in seinen Fingerspitzen ein elektrisiertes Prickeln zu verspüren, als er sie weiter nach oben bis zu ihren Ohren gleiten ließ. Kurz ertastete er ihre Ohrmuscheln, dann folgten seine Finger der geschwungenen Linie ihres Kinns bis zu ihrem Mund. Mit seinem rechten Mittelfinger zeichnete er die Konturen ihrer Lippen nach. Er musste tief Luft holen. Seine Erregung wurde zunehmend stärker. Farben tauchten in seiner Wahrnehmung auf und strömten von seinen Fingerspitzen aus durch den gesamten Körper. Das Dunkel seiner Welt wechselte in ein intensives Gelb, das in seiner Körpermitte bereits in ein Orange überging. Jan griff in ihren Nacken und zog ihr Gesicht näher heran. Er wollte sie schmecken. Seine Lippen, seine Zunge baten um Einlass, erst zaghaft, dann immer fordernder. Endlich fand sein Wunsch Erfüllung in einem Kuss, der die Farben seiner Erregung weiter verstärkte.
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