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Mein Wertung: sehr gut  

Selma J. Spieweg: Tod dem Zaren: Clockwork Cologne (Boris und Olga 1). Qindie (Kindle Edition, 24.12.2014)

Die russischen Figuren Selma J. Spiewegs haben es mir angetan. Es sind gebrochene Helden. Das hat mir bereits bei der Deserteur Alexej-Reihe gefallen und setzt sich mit Boris in diesem Sammelband fort.

Inhalt:

Boris ist einer der treuesten Soldaten im Dienste des russischen Zaren, und das seit 44 Jahren. Deswegen wurde er auch für ein Spezialprojekt ausgewählt, das ihn zu einem „Blauen Krieger“ gewandelt hat. Sein menschlicher Körper wurde durch mechanische und quantenmechanische Technik ergänzt. Erst als er auf die 12-jährige Olga trifft, erkennt er allmählich, was er verloren hat ... Aber er gibt nicht kampflos auf, schließlich ist er Soldat.

Meinung:

Schon mit den ersten Zeilen eröffnet die Autorin eine faszinierende Steampunk-Welt in der russischen Weite des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Soldat Boris Sergejewitsch ist seit 44 Jahren Soldat für den Zaren. Für ihn kämpft er seit seinem sechsten Lebensjahr, hat alles gegeben, auch Teile seines Körpers, seiner Seele und seiner Gefühle, als man ihn zum Blauen Krieger „umgebaut“ hat. Fassungslos folgte ich mit jedem Wort der Geschichte dieses „Kerls“ – Mensch kann man ja nicht mehr sagen in Anbetracht seiner Mensch-Maschine-Verbindung – und fühlte immer stärker das, was Boris verloren hat: Mitgefühl für sein Schicksal und die Hoffnung, dass er da irgendwie rauskäme.

Nun, ein bisschen Positives schenkt ihm die Autorin in Gestalt der kleinen Aufrührerin und Diebin Olga, die in Boris ihren persönlichen Helden sieht und ihn mit ihrer Anhänglichkeit und Liebe verfolgt. Und ihr gelingt tatsächlich das nicht geglaubte Wunder: Boris taut auf ...

Boris und Olga sind die beiden Hauptfiguren des Sammelbandes. Aber auch die Nebenfiguren sind faszinierend gestaltet. Da wäre zum einen Zar Nikolaus II., der sich nicht entscheiden kann, ob er echt oder ein Doppelgänger ist, diverse Aasgeier, die die Opfer des Krieges aufsammeln und in Bergwerken und Schlimmerem zu Tode knechten, der Schriftsteller Leo Tolstoi und der Maler Ilja Repin. Ein wenig fand ich mich an die Welten Dostojewskis erinnert, die ich schon seit meiner Kindheit liebe.

Die Handlung beschreibt meiner Einschätzung nach eine Heldenreise, wenn auch der Held ein gebrochener Held ist, was seinen Reiz für mich nur noch erhöht. Angereichert wird die lineare Geschichte durch Rückblenden aus der Erinnerung Boris’ und Olgas sowie die Möglichkeit von Zeitreisen, was aber nur angedeutet, nicht ausgeführt wird.

Besonders fasziniert hat mich die Gestaltung der Steampunk-Welt mit ihrer Quantenmechanik, den Blausteinen und deren Entstehung. Inwieweit es hier Berührungspunkte zu den anderen Clockwork Cologne-Büchern gibt, kann ich nicht beurteilen, da dies mein erster Band aus der Reihe ist. Wahrscheinlich aber nicht mein letzter ...^^ Aber auch die ganz „normale“ russische Seele bringt Selma J. Spieweg so wunderschön rüber, dass es eine Freude ist, sich dem Buch hinzugeben.

Wertung:

Ich habe mich in der Geschichte rundum wohl gefühlt. Figuren, Handlung, Dramaturgie und nicht zuletzt die Sprache sind einwandfrei und bieten ein gelungenes Lesevergnügen. Dafür gebe ich gerne mein persönliches „Sehr gut“ und fünf von fünf Wertungspunkten.

Mein Fazit: Steampunk in Russland mit einem neuen Traumpaar: Boris und Olga

Ich danke der Autorin für das Rezensionsexemplar.


Autorenwebsite: jspieweg.de/Boris.html  
   
Rezension vom 02.01.2015  
Aiki Medienwerkstatt