Leseprobe:
Dong – dong – dong – dong.
Es war der 17. April 2007. Ein Dienstag, der gerade eben erst vier Stunden alt geworden war. Der Wiesbadener Hauptbahnhof, Gebäude und Vorplatz frisch renoviert, lag im Dunkeln. Die Luft schmeckte feucht vom nahen Regen. Die Taxistellplätze am östlichen Seiteneingang waren um diese Zeit nur spärlich besetzt, die Autos verriegelt, hie und da glimmte ein kurzes Leuchten auf. Der S-Bahn-Betrieb nach Frankfurt würde erst in einer guten halben Stunde beginnen. So lange hatten wir noch Ruhe. Ich hatte vor gut drei Stunden, nachdem ich meinen letzten Fahrgast vom Lumen, dem gläsernen Restaurant über dem Marktkeller, nach Hause gebracht hatte, die Funkanlage leiser gestellt und döste vor mich hin. Wenn die Zentrale einen Auftrag für mich hätte, würde ich es hören. Andernfalls müsste ich sowieso am Bahnhof warten, bis ich an der Reihe war. Das konnte dauern, wie mich die Erfahrung der letzten Monate gelehrt hatte.
Ein weiteres Taxi fuhr in den beschrankten Taxiwartebereich und erleuchtete kurz die Umrisse des Bahnhofsgebäudes. Träge öffnete ich die Augen und folgte dem Lichtschein. Hinter dem Bahnhofsgebäude, wo nur noch die Gleise überdacht waren, schien die Putzkolonne am Vorabend einen Berg Unrat vergessen zu haben, dessen Konturen in der Schwärze der Nacht nur zu ahnen waren. Mir egal, dachte ich und versuchte, wieder einzudösen. Eine Autotür fiel ins Schloss, dann waren Schritte zu hören, zuerst zögernd, schließlich direkt auf die Seitentür des Bahnhofs zu. Sie verklangen im Innern. Es kehrte wieder Ruhe in die Dunkelheit ein. Zaghaft klopfend begann es zu regnen. Die Konturen verschwammen jetzt, wie durch einen Weichzeichner betrachtet, noch stärker.
„Hier liegt jemand!“ Ein Schrei durchbrach die Stille und riss mich unsanft aus meinem Halbschlaf. Ich zögerte noch, während die Kollegen vor mir bereits die Wagentüren öffneten und ausstiegen.
„Was ist los?“
„Wer ruft da?“
„Hier, in der Ecke, da liegt jemand. Es ist alles voller Blut.“ Eine Frau stand auf dem Fußweg und deutete in das Dunkel.
„Das ist bestimmt ein Fixer.“
„Das weißt du doch gar nicht.“
„Ich geh’ da nicht hin. Das ist mir zu gefährlich.“
Ich hatte genug gehört. Ich griff nach meiner Taschenlampe, die ich immer mit frischen Batterien im Handschuhfach liegen hatte, zog unter dem Beifahrersitz den Verbandskasten hervor und stieg aus. Es regnete noch immer. Trotz der milden Frühlingstemperaturen war mir kalt. Ich zog den Reißverschluss meiner Regenjacke hoch, um wenigstens trocken zu bleiben.
„Lasst mich mal durch, Leute“, sagte ich und zwängte mich durch die Mauer der Schaulustigen. Ich ließ das Licht meiner Taschenlampe umherwandern, bis es in der Gebäude-Ecke tatsächlich auf einen am Boden liegenden menschlichen Körper stieß. Unter ihm hatte sich eine Blutlache gebildet, die fast bis zu meinen Füßen reichte. Mir wurde noch kälter, und ich begann zu zittern. Trotzdem schien ich die einzige hier zu sein, die zu handeln bereit war. Ich drückte einem der Kollegen meine Taschenlampe in die Hand, holte Einmal-Handschuhe aus dem Verbandskasten und streifte sie über. Ich kniete mich hin. Vorsichtig berührte ich die auf dem Boden liegende Gestalt. Dann tastete ich nach dem Hals und suchte den Puls. Ich musste lächeln, so deplatziert es auch war, als ich ein leichtes, dahin huschendes Pochen spürte. Wenigstens lebte der Mann.
Ich blickte kurz auf.
„Wir brauchen Notarzt und Polizei“, sagte ich.
„Schon unterwegs.“
Wieder wandte ich mich dem Bewusstlosen zu, der zusammengekrümmt auf der Seite lag. Ich musste ihn ein Stück aus der Ecke ziehen, um Erste Hilfe leisten zu können. Kurzerhand griff ich unter seinen feuchten Übergangsmantel, suchte den Hosenbund und zog daran. Der Mann ließ sich überraschend leicht bewegen. Sicher durch das Blut, das unter ihm wie ein Schmiermittel wirken musste, schoss es mir durch den Kopf. Ich richtete mich auf, stieg über ihn hinweg und öffnete Mantel und Jackett.
„Scheiße“, stieß ich hervor, als ich das blutrot getränkte Hemd sah.
Der Unbekannte begann zu husten. Ein Schwall Blut lief aus seinem Mund. Die Augen flatterten. Er stöhnte und begann zu zittern. Ich wich zurück, doch gleichzeitig wollte ich helfen, wusste aber nicht, wie. Erneut ging ich in die Knie. In der Ferne war ein Martinshorn zu hören, das schnell näher kam.
„Sie müssen durchhalten, nur noch ein bisschen“, sagte ich und strich dem Mann übers Gesicht. Seine Augen flatterten wieder. Er stöhnte. Ich zog meine Jacke aus, drehte das Äußere nach innen und legte sie ihm vorsichtig unter den Kopf.
„Sie schaffen das“, flüsterte ich ihm ins Ohr. Wieder hustete er. Das Zittern schüttelte ihn unablässig durch.
Endlich wurde das Martinshorn wenige Meter neben mir ausgeschaltet. Nur noch das rotierende Blaulicht, gepaart mit der hellgrauen Dämmerung, tauchte die Umgebung in ein unstetes, kaltes Licht.